Katharina Grosse - flüchtiger Farbrausch in zeitloser Gotik | #25
Shownotes
Katharina Grosse – flüchtiger Farbrausch in zeitloser Gotik | #25 Die Seehandelsbörse La Lonja in Palma wird zur Bühne für „Arrels“.
In dieser Folge von Artaffairs Mallorca besuchen wir die beeindruckende Ausstellung „Arrels“ der international renommierten Künstlerin Katharina Grosse in der historischen La Lonja de Palma.
Die monumentale Installation verbindet auf einzigartige Weise Farbe, Landschaft und Architektur. Aufgeschüttete Erdhügel, ein entwurzelter Baum und leuchtende Farbschichten verwandeln die ehemalige Seehandelsbörse in ein begehbares Kunstwerk, das sich mit Themen wie Herkunft, Wandel, Erinnerung und Vergänglichkeit auseinandersetzt.
In dieser Episode: Die Geschichte der rund 600 Jahre alten La Lonja Die Ausstellung „Arrels“ und ihre Bedeutung Katharina Grosses Weg von Bochum auf die internationale Kunstbühne Der Einfluss ihrer Mutter Barbara Grosse Die Verbindung zu ihrem Lehrer Gotthard Graubner Wie aus 40 Tonnen Erde eine monumentale Kunstlandschaft entstand Warum Vergänglichkeit ein zentrales Motiv der Ausstellung ist Der Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und gotischer Architektur Erwähnte Künstler und Orte Katharina Grosse Barbara Grosse Gotthard Graubner La Lonja de Palma Es Baluard Museu d'Art Contemporani de Palma Palma de Mallorca Tipp zur Ausstellung
Die Ausstellung „Arrels“ ist noch bis Ende Januar 2027 in der La Lonja zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Mehr Fotos und Videos zur Ausstellung findet Ihr auf Instagram unter: @podcastartaffairs oder dem Kanal: Artaffairs | Der Kunstpodcast auf WhatsApp: https://whatsapp.com/channel/0029VbCnKrkKbYMPq2Vsw72Z
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Transkript anzeigen
00:00:16: Herzlich Willkommen zur zweiten Folge von Adefers Mallorca.
00:00:20: Heute nehme ich Euch mit in eines der schönsten Gebäude der Insel, indigotische Seehandelsbörse Laloncha die hier im lokalen Katalanisch liebevoll La Jota genannt wird.
00:00:31: ein architektonisches Meisterwerk das seit Jahrhunderten Windwetter Kaufleuten Königen und Touristen trotzt und in letzter Zeit auch die Kreativität von diversen Künstlern überstanden hat.
00:00:44: Und nun stellt sich die Frage, was passiert eigentlich wenn man einer deutschen Künstlerin mit einer Vorliebe für Industriefarben Sprühpistolen aufgeschütteten Landschaften und monumentalen Rauminstallationen die Schlüssel zu einem der bedeutendsten historischen Gebäude der Insel gibt.
00:01:01: Die Antwort lautet Man bekommt angehäufte Erde einen entwurzelten Baum eine Farbexplosion und eine Ausstellung mit dem Titel Arels.
00:01:12: Die international bekannte Künstlerin Katharina Grosse hat La Loncha in einen überwältigenden Fahrbrausch verwandelt.
00:01:19: Bei der Venissage sagte sie, ich habe schon viele Ausstellungen in Installationen gemacht – aber noch nie in einem historisch dermaßen bedeutendem Gebäude.
00:01:29: Gegenüber der versammelten politischen Inseprimonenz zeigte sie sich beinahe demütig, danke dass Sie mich in Ihr Haus gelassen haben und vor allem das man ihr erlaubt habe was man als Gast in einem Wohnzimmer normalerweise nicht anstellt.
00:01:43: Katharina Große wies aufs Spiel mit den Gegensätzen hin Vergänglichkeit vs Beständigkeit.
00:01:50: Ein Kunstwerk ausschließlich und spezifisch für diesen Raum und die Dauer der Ausstellung geschaffen nimmt den Dialog mit der gotischen Bauweise auf.
00:02:00: Die Installation markiert einen Wendepunkt in großes Werk.
00:02:04: Die Interarchitektur, ihr bislang vor allem als Oberfläche, wird der Ort hier erstmals selbst zum Mitspieler –.
00:02:10: das Werk antwortet auf die Geschichte von La Loncha als einem der bedeuteten Kulturerbeorte Palmas auf ihre ursprüngliche Funktion als Handelsplatz und auf ihren offenen durchlässigen Charakter.
00:02:24: Vor genau sixhundert Jahren, also fourteenhundertzechstenzig, wurde der Grundstein für die Seehandelsbörse gelegt.
00:02:31: Vierzehnhundertsiebeneunvierzig war der Bau vollendet und bis achtzundhundertdreißig wurde das Gebäude durchgehend als Handelsplatz genutzt.
00:02:40: Treten wir nun durch die gotischen Spitzbogenportale.
00:02:44: Sofort drängt sich die Vorstellung auf wie hier einst Waren aus aller Welt umgeschlagen wurden.
00:02:50: Mich persönlich erinnern die farbigen Hügel der Installation unwillkürlich an Berge von Safran, Kurkuma oder Paprika wie man sie noch heute auf den Basarn of Afrikas oder des Nahen Ostens findet.
00:03:03: Unmit exakt solchen Gewürzen wurde hier schon vor Jahrhunderten gehandelt.
00:03:08: Ob die Künstlerin diese Assoziation auch hatte gibt Sie uns nicht preis.
00:03:13: Ihre Ausstellung trägt jedenfalls den Namen Arels was auf katalanisch Wurzeln heißt.
00:03:19: Dazu später mehr.
00:03:21: Das Wort Wurzeln ist für mich erst mal ein gutes Stichwort, um etwas in die Vergangenheit von Katharina Grosse zu blicken und da sei mir ein kleiner lokalpatriotischer Ausflug nach Bochum erlaubt.
00:03:34: Als Bochumer Gewächs geht dies sozusagen speziell an meine Bochuma Community.
00:03:39: Katharina Große wurde zwar im Breisgau geboren, ist aber auch aufgewachsen.
00:03:45: Sie besuchte damals das Ostring-Gymnasium zeitgleich mit Herbert Grönemeyer, nur dass der ein paar Klassen über ihr war.
00:03:53: Ihr Vater war Germanistikprofessor und Anfang der siebziger Jahre auch Rektor der Rohuniversität Bochum.
00:03:59: Katharina Grosses Mutter, Barbara Grosse ist ebenfalls Künstlerin – sie hat für die Kunstszene in Bochom geradezu Pionierarbeit geleistet!
00:04:09: In den achtziger Jahren fragte sie meinen Vater Der Anatomie-Professor an der RUP war, ob sie im Präpariersaal der Medizinischen Fakultät Körperstudien anfertigen dürfe.
00:04:20: Nun muss man wissen – Prä parierseele sind normalerweise nicht gerade Orte, an denen man spontan Besuchergruppen hineinlässt.
00:04:28: Sie sind Medizinstudenten vorbehalten und die Arbeit dort verlangt Diskussion, Respekt und ein Gewissen ernst.
00:04:34: Mein Vater war zunächst nicht völlig begeistert von der Idee.
00:04:38: Andererseits schien Barbara Grosse ein echtes künstlerisches Interesse an Anatomie und Körperlichkeit zu haben.
00:04:45: Also wurde pietätvolles Verhalten vereinbart, und am Ende entstanden beeindruckende Arbeiten.
00:04:52: Nun warum erzähle ich das alles?
00:04:54: Weil die Mutter Barbara Grosso schon vor zwanzig Jahren in Bochum ein historisches Gebäudekünstlerisch bespielte wie es heute die Tochter in La Lontja getan hat.
00:05:04: Es war die tausend Jahre alte Stiebler Dorfkirche Die Raumumgreifend mit senkrecht herunterhängenden und sich bis auf den Boden ausbreitenden Papierbahnen ausgefüllt wurde.
00:05:14: Auf diesen waren die alten anatomischen Studien menschlicher Körper zu sehen, die Impor zu stiegen schien.
00:05:21: Alles hat seine Wurzeln – gerade in der Kunst!
00:05:25: So wurde Katharina Grosse selbstverständlich auch von ihrer Mutter geprägt.
00:05:30: Mittlerweile inspirieren die beiden Künstlerinnen sich gegenseitig.
00:05:33: Und Katharina Große ist in die weite Welt gezogen und ein gefeierter internationaler Star am Kunsthimmel geworden.
00:05:41: Sie studierte eines in Münster, dann abwechslend aus der renommierten Kunstakademie Düsseldorf wo sie Studentin von Gotthard Graubner wurde.
00:05:51: Als Meister der Farbkissen verstand es Gotthard Graubler, Farbe ein Eigenleben zu geben – befreit von dem Anspruch etwas anderes darstellen zu müssen als sich selbst!
00:06:01: Seine gepolsterten Leinwände wirken zunächst monochrom, entfalten jedoch ein vielschichtiges Farbspiel das Farbel als lebendige Raumkörper erfahrbar macht.
00:06:11: Und damit kommen wir wieder zum Farbrausch in Palma!
00:06:15: Über einen Baumstamm mit mächtigen Wurze ballen und aufgehäuften Sand- und Steinen ergießen sich Farbstrüme die sich über den Boden der Lonche ausbreiten – wie la war aus einem besonders kunstinteressierten Vulkan?
00:06:29: Es sieht weniger nach Ausstellung aus als nach einer Naturgewalt.
00:06:33: Fast so, als hätte sich die Malerei selbstständig gemacht.
00:06:37: Als hätte Farbe beschlossen künftig ohne Leinwand auszukommen – dies hätte Gottrat Graubner bestimmt gefallen!
00:06:44: Das Faszinierende dabei?
00:06:46: Dass die Künstlerin die historische Architektur gar nicht direkt verändern durfte.
00:06:51: Sie durfte den Mauern nicht bemalen und sie durfte die Säulen nicht ansprühen.
00:06:54: also baute sie eine neue Landschaft in das Gebäude hinein Eine Landschaft, die mit dem Raum spricht.
00:07:01: Aber wie baut man so was auf?
00:07:03: Die praktischen Hindernisse waren erheblich!
00:07:06: Um die erlaubte Bodenbelastung des denkmalgeschützten Bauwerks nicht zu überschreiten wurden die Farbhügel nicht komplett aus Erde erstellt.
00:07:15: Als Basis diente ein dreidimensionales Modell das die Künstlerin in ihrem Berliner Atelier erstellte.
00:07:21: Ein achtköpfiges Team aus Mallorca, bereitgestellt vom Museum Esbaluar, packte gemeinsam mit großes deutschen Mitarbeitern an.
00:07:30: Zuerst zimmerten sie ein riesiges Gerüst aus über einhundert Holzpaletten – das wurde mit einer Stoffplane abgedeckt.
00:07:38: und erst darauf kam dann die Erde und wir reden hier von stolzen vierzig Tonnen!
00:07:43: Für die abschließende Einfärbung mittels Sprühpistolen wurden die Säulen komplett eingekleidet.
00:07:49: Selbst der mächtige Baumstand, der mitten in der Installation liegt musste per Lastkran herbeigeschaft werden.
00:07:57: Das Ergebnis?
00:07:58: Diese neue Landschaft, die schlanken Säulen das historische Deckengewölbe alles verschmilzt zu einem einzigen griesigen Gemälde.
00:08:06: Katharina Grosser beschrieb ihre Technik einmal als eine Art Aquarellieren in sehr großen Dimensionen.
00:08:13: Für sie ist Farbe eine Kraft, die Raum physisch erfahrbar macht.
00:08:18: Der Besucher kann ums Werk herumgehen es von allen Seiten betrachten sogar auf den Farbstömen herumlaufen aber nie alles auf einmal sehen.
00:08:28: Das Gebäude selbst tritt mit der Installation in einen Dialog.
00:08:32: Die gotischen, gewundenen Säulen der Loncha wirken plötzlich wie Bäume eines fantastischen Waldes die im Bunden Erdreich verwurzelt sind und diese steinernen Bäume werden bleiben.
00:08:45: Sie werden weiter emporstrieben auch wenn der Farbrausch im Januar nächsten Jahres wieder verschwunden sein wird.
00:08:52: Vielleicht kann man so auch den Namen der Ausstellung Arels besser verstehen.
00:08:56: Das farmfrohe Wurzelwerk, welches einen gleich zu Beginn der Ausstellung begrüßt gehört zu einer Kiefer die den Februar stürmt diesen Jahres auf der Insel zum Opfer fiel.
00:09:07: Der Baum wurde von der Naturgewalt entwurzelt und ihm so seine über Jahrzehnte hinweg gewachsene Beständigkeit genommen.
00:09:15: Katharina Grosse wies wie eben schon erwähnt bei der Eröffnungsfeier genau auf dieses Spiel mit den Gegensätzen hin.
00:09:22: Sie distanziert sich damit implizit vom Streben nach Verewigung.
00:09:27: Das flüchtige mediterrane Licht wird durch das Maßwerk der Fenster wunderschön gebrochen, ist das nun ein heller Sonnenfleck oder ein heiler Farbklecks?
00:09:37: Manchmal muss man schon genauer hingucken.
00:09:40: und dann dieser faszinierend Dialog auf der einen Seite die filigran verschlungenen echten Wurzeln Auf der anderen Seite die geometrisch fast organisch wirkenden Muster des Steinmetzarbeiten in den Fenstern.
00:09:54: Nicht umsonst werden die runden Fenster in der Gotik auch Rosenfenster genannt.
00:09:59: Der Vergleich mit einer Blume liegt bei Katharina Grosse nahe, leuchtende Farben sind schließlich ein Hauptbestandteil ihrer visuellen Sprache.
00:10:08: und natürlich passt es wegen der Metapher des Verblünts.
00:10:12: Denn dieses Werk wird wieder verschwinden Ende Januar und vielleicht ein paar Farbreste in den Köpfen der Besucher.
00:10:26: Und genau das gefällt der Künstlerin!
00:10:28: Sie spricht davon, dass die Vergänglichkeit den Werk eines Werks sogar steigern kann – wie bei einer Blume.
00:10:34: Gerade weil sie nicht ewig blüht, erscheinen sie uns besonders kostbar.
00:10:39: Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis der Ausstellung?
00:10:42: Nicht alles muss
00:10:43: bleiben!".
00:10:44: Nicht alles muss konserviert werden.
00:10:46: Manches darf einfach ein intensiver Moment sein – eine Erfahrung, ein Farbgewitter!
00:10:52: Wenn ihr also in den nächsten Monaten durch Palma schlendert, höhnt euch einen Abstecher in die Leuncher.
00:10:58: Lasst Euch von Katharina Grosses Farblandschaft überraschen.
00:11:02: Gegenüber im Café Rivereno gibt es übrigens richtig gutes Eis damit auch der Bauch nicht zu kurz kommt.
00:11:09: Und für alle, die es nicht sobald nach Mallorca verschlägt auf meinem Instagram Profil at PodcastAdefers findet ihr Videos und Fotos zur Ausstellung.
00:11:18: Die Börse ist übrigens frei zugänglich – die Öffnungszeiten sind aktuell von zehn Uhr dreißig bis dreizehn Uhr und von sechzehn bis einundzwanzig Uhr.
00:11:27: Ab November gilt dann eine verkürzte Eintrittszeit bis neunzehn Uhr!
00:11:31: Ich danke euch fürs Zuhören und freue mich wenn ihr auch Folgen klickt um keine Episode mehr zu verpassen.
00:11:37: Bleibt inspiriert und hasta luego, bis zum nächsten Mal bei Adefers.
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